Michael Packheiser M.A., Lauenburgischer Kunstverein, zur Ausstellung "Malerei" im Rathaus Ratzeburg

..... Ihre (Waltraud Stalbohms) Bilder nehmen uns wegen des Formats, mehr noch wegen der spezifischen Aussagen in den Bann : Niemand kann sich der Wirkung

der Bilder Waltraud Stalbohms entziehen.


Auffällig ist schon bei einem ersten Rundgang neben den Motiven die eigenartige, auf wenige Töne reduzierte Farbigkeit in den Bildern dieser Künstlerin. Die Atmosphäre in den dargestellten Motiven dieser Malerei ist zuweilen garadezu bedrückend, weil die Nüchternheit des gewählten Ausschnitts und die gebrochene, zuweilen undefinierbar erscheinende Farbigkeit ambivalente Gefühle in uns, den Betrachtern, auslöst.


Wo sind in diesen Räumen mit ihrer scheinbar aufgelösten, nicht den Fluchtlinien mehr gehorchenden Perspektive die Menschen geblieben, die eine Bank, einen Stuhl benutzt haben ?


Selbst die Objekte in einigen Bildern sind verformt, aus ihrem klar bestimmten Zweck heraus verändert, verbogen worden.


Ein Schlüsselbild zu der möglichen Annäherung an ihre Arbeiten liefert Waltraud Stalbohm mit dem Bild "Weiße Stille" von 2005 :


Es ist eine nahezu monochrom gestaltete Farbfläche - weiß - dort hinein montiert, ein Seitenteil eines ebenfalls weiß lackierten Stuhls.


Was zunächst wie ein Materialbild in der Tradition Kurt Schwitters' wirkt, hat einen ernsten Hintergrund : Waltraud Stalbohm verarbeitet hier als Künstlerin Berichte über Gefangene, die in Gefängnisräumen leben mussten, deren weiße kahle Wandgestaltung dem Auge und der Seele keinerlei Ablenkung durch Strukturen, Formen oder Oberflächen bot.


Das Leiden des Menschen durch den Menschen kann uns einen möglichen Zugang zum Werk Waltraud Stalbohms eröffnen, obwohl die Künstlerin selbst diese Festlegung mit einer absoluten Gültigkeit so nicht getroffen wissen will.


Die fünfteilige Serie der "Ipswiches" trägt eine subtile Doppeldeutigkeit in sich:

Es sind Bilder, Portraits von Frauen, die einem Serientäter in einer englischen Stadt zum Opfer fielen, die aber auch in dieser Darstellung einen fremdartigen Ausdruck - etwas entfernt Hexenhaftes - Witches - haben.


Viele Bilder Waltraud Stalbohms scheinen unterschwellig gesellschaftliche Probleme zu thematisieren oder zumindest löst die Betrachtung diese Assoziation aus. In dieser Ausstellung gibt es eine Arbeit, die unwillkürlich an die jungen Glatzen der Rechtsradikalen seit den 90er Jahren denken lässt. Die Malerei Waltraud Stalbohms ist nicht vordergründig politisch - aber sie deckt in beklemmender Weise die zuweilen zu attestierende Isolation in der menschlichen Kommunikation auf.


Für ihre Bilder verwendet die Künstlerin nicht nur die üblichen Mittel wie Farben und Leinwand, sondern sie erweitert den Kanon auch um andere Materialien, indem sie großformatige Bleitafeln anfertigt, die, durch Witterungseinfluss und chemische Prozesse individuelle Oberflächenstrukturen erhalten.


Diese neu entstandenen Strukturen werden durch das Auftragen von Farbe herausgearbeitet und zu Abbildungen des menschlichen Körpers verdichtet. Diese Reihe von Arbeiten wirkt fast so, als seien diese Motive nicht gemalt, sondern im Sinne einer mittelalterlichen Mystik Spuren einer reliquienhaften Überlieferung eines realen Körpers.


Einen noch stärkeren Objektcharakter erhalten die Bilder, wenn Malerei und Material kombiniert werden. Ein gefaltetes, halbplastisches Stück Bleiblech trifft auf einen blauen Font; beide Bildelemente werden durch applizierte dünne Schnüre miteinander verbunden; das "schwere" Material schwebt geradezu über einem transzendentalen Bildhintergrund.


Bitumen, mit Spachteln in unterschiedlicher Dichte aufgetragen, ist ein weiteres künstlerisch eingesetztes Material, das wir in einigen Arbeiten Waltraud Stalbohms finden. Im Sinn einer "prima materia" schafft dieser Auftrag ebenfalls Spuren durch das langsame Trocknen. Temperaturabhängigkeiten und chemische Veränderungen der anderen eingesetzten Malmittel schaffen einen fortlaufenden Wandel des Bildeindrucks.


Der Kunsthistoriker Werner Schmalenbach sprach bezüglich der Maltechnik des Künstlers Emil Schumacher "vom Widerstand der Materie. Malen ist für ihn fortgesetzter, wiederholter Angriff auf das Bild. Die solchermaßen geschundene Farbe erzähle selbst ihre Geschichte, ihren Leidensweg, so dass schließlich die Materie selbst spricht".


Auch die Maltechnik Waltraud Stalbohms, ihr pastoser Farbauftrag, der Risse und Farbschollen bildet, ruft Assoziationen an erdgeschichtliche Prozesse, an Umbrüche hervor. Vielleicht lässt sich der Ausdruck vieler Bilder mit dem Topos "Versehrung des Bildmaterials" charakterisieren.


Nicht zuletzt die eindrucksvolle Arbeit ....................... zeigt beklemmend, wie intensiv diese Malerin sich mit menschlichen Gefühlen in ihren Arbeiten auseinandersetzt.

Doris Cordes-Vollert, zur Ausstellung "LeibHaft" im Kunsthaus amSchüberg, Ammersbek

LeibHaft

Bilder durch Worte entstellen?

oder darüber sprechen : wie sich Mal-Material zur Figur bildet.

Die Faszination des menschlichen Körpers, als eine spezifische Sprache, hat immer bildende Künstler bewegt. Sie scheint so selbst-verständlich. Ist das aber wirklich die Sprache, die uns geläufig ist ?

Oder haben wir nicht doch immer mehr verlernt, im Ausdruck der Sprache der Körper zu lesen, angesichts der Geschwindigkeit und der Bilderflut, die sich über uns ergießt an jedem neuen Tag, mit ihrer Informationswut über Verletzungen und Verstümmelungen ?

Natürlich fallen einem die Griechen ein und vielleicht Michelangelo, aber auch Beckett. 

Wodurch, durch welches Bewusstsein wurde das ideale Menschenmaß der Griechen gestört ? die an ihre Götter dachten, aber ihnen nacheiferten, und dann schien menschliches Maß sich als Hybris über alles zu stülpen und sich dabei zu zerquetschen.


Uns ist gräßlich bewußt geworden, was Menschen Menschen antun können.

Auf Waltraud Stalbohms Arbeitstisch liegen, häufeln sich Zeitungsausschnitte, dazwischen ausgeblichene Fotos von Theateraufführungen, in denen Menschen in leeren Bühnenecken kauern.


Das Nachdenken über Form beginnt mit der Empfindung der Leere des Raumes, in dem die Choreografie stattfindet und den Raum belegt.

Dann liegen da noch Zettel, Gläser, Stifte, Flecken, ein Artikel:  „Leben ist schwerer, sterben geht leicht“ ?

Ich setze ein Fragezeichen.

Worte austauschen, gefangengenommen, leibhaftig verschränkt.

Personifizierung schon immer : niemals.


Figuren formulieren Form. Immer unfertig. Stufen der Zerrissenheit.

Etwas in Augenhöhe. Etwas fällt uns auf den Kopf ? 

Was engt uns ein ?


Es sind die Atmosphären durchschrittener Räume, die eine Figur bilden, mit Empathie und Zweifel ertastet, niemals gesetzt.


Es scheint einerlei : bezieht sich die sich vermittelnde Stimmung auf jüngste, dauerhaft andauernde Nachrichten oder ist sie existentiell ?

Leibhaftige Ambivalenz.


Die Unsagbarkeit der Welt. Wenn man wüsste, was man zu sagen hat, braucht man es nicht mehr zu sagen.

Sich die Worte nicht aus dem Mund schlagen lassen.

Wenn man wüsste, was man malen will, braucht man den Pinsel nicht mehr in die Farbe zu tauchen.

Sich den Pinsel nicht aus der Hand nehmen lassen.

Nach Auschwitz muss weiter gedichtet werden, mehr denn je.

Aber wie ?

Zweifel an der Darstellbarkeit der Verzweiflung.


Ich hab den Vorteil eines Einblicks in ihr Atelier gehabt.

Die Suche.

Die Suche danach, etwas ausdrücken zu wollen, was nicht mit Begriffen wie Stuhl, Bett oder Dreieck sicher zu bezeichnen ist, ist wie Gehen im Treibsand.

Es gibt keine Sicherheit, auch wenn es nachher so aussieht. Nur kratzen, schaben, neu anfangen.

Gemalt wird, was sich weigert, was verhindert gemalt oder ausgedrückt zu werden, hat Beckett mal gesagt oder : „zu repräsentieren bleiben die Bedingungen des Sich-Entziehens . . .

Gemalt wird, was zu malen hindert“.


Was soll man sagen über Flächen, denen ihre Flucht in die Raumtiefe anzusehen ist.

Was soll man sagen über Körper, die aus Farbe geschnitzt oder geschlagen scheinen, oder den Gleichgewichten, die beim Geringsten drohen aus dem Lot zu geraten, die auseinanderbrechen und sich, je länger man hinschaut, neu bilden ? 

Die labil in der Luft hängen zwischen den Gestellen ?

Figuren, die negativ, also nicht vorhanden, entschwindend erscheinen ?


Wie soll man von Farben sprechen, die keuchen ?

Von aufgestautem Entsetzen, dem die Farbe, dick und wieder abgeschabt, entzogen wurde ?

Was soll man sagen über diese ganze gewichtig gewichtslose, martialisch kraftlose, schattenlose Schattenwelt ?


Was soll man sagen über eine Mauer, die zugleich eine endlose Weite ist,  keine Wand im Rücken, vor der man wenigstens von einer Seite her sich sicher wähnen könnte. Oder die sich hinterrücks hinter uns herschiebt, unaufhaltsam sich gegen uns drücken wird ?

Auf uns zu ?

In den Rücken hinein ?


Oder die Gesichter, die sich uns bilden, obwohl sie nicht vorhanden sind, schon wieder verschwinden im bleiernen Untergrund, der doch so ewiglich haltbar, tödlich haltbar als Kammer im Viereck, diese Ambivalenz, denn unsere vergessliche Erinnerung behält nichts als den Negativabdruck als Alptraum in endlosen Reihungen.

Nur die Augen.


Und scheinbar ganz anders : die Skulpturen. Wesensgemäß greifbar, vorhanden, in Stein gegossen, betoniert, klar begrenzt, zusammengepresst durch diese Luft, die uns umgibt, unsichtbar.

Wir atmen das ein.


Die Materialien überraschen :

Papiermaché und Blei. Leichtigkeit beschwert.


Verwirrungen, die sich widersetzen ausgedrückt zu werden. Der menschliche Körper als Zeichen von Zuständen, die sich als unfassbar erweisen, Bedingungen, die sich im Strich zeigen, in der Art und Weise des Malens selbst, der widersprüchlichen Materialität :

glatt und leicht mit Panzern und Helmen : versehen.


Versuche zu enthüllen, was uns unverhüllt begegnet, dargestellt durch Überschichtungen, Verhüllungen um zu enthüllen, aber das Objekt der Darstellung ist nicht die Verhüllung oder Enthüllung, sondern der Vorgang, die Beziehung zu den Tatsachen, die unfassbar bleiben, leibhaftig unfassbar.


 

Doris Cordes-Vollert    

Barbara Vollmer, zur Ausstellung "Leere des Raumes" im Kunstverein Dahlenburg

Etwas zu sagen, das habe ich zugesagt. Spontan.

Angesichts von Arbeiten, die ich authentisch, redlich auch und gut fand. Und finde.

Und aus Sympathie, sofort gespürte ähnliche Wellenlänge.


Aber  -  "Nichts ist unpräziser und schießt schräger am Ziel vorbei, als Bewunderung, wo sie nicht genau ist." ( Rilke, Briefe an eine Reisegefährtin )

Etwas zu sagen also, hatte ich übernommen. Und merkte bald, dass ich deutlich mehr zu fragen habe.


Möchte ich nicht lieber die Fragen stellen, die die Kunst von Waltraud Stalbohm aufwirft, die sie förmlich intendiert, statt Erklärungen zu geben, statt Schwebendes, statt Schwereloses festzunageln?

Möchte ich nicht lieber Fragen stellen, statt Vergleiche zu bemühen, die stets doch nur hinken, die unzulänglich, trivial, abgedroschen und also verzichtbar sind ? Kunsthistorische Vergleiche womöglich, die schon sattsam angestellt wurden, wie etwa zu Darstellungen des Leidens Jesu Christi ?


In diesem Vorfeld meiner einführenden Worte, las ich auch den Text, den eine Kollegin für eine andere Ausstellung von Waltraud Stalbohm formuliert hatte. 

Und - siehe da - lauter Fragen. Frageworte und Fragezeichen.

Nicht weniger als 22 auf weniger als zwei Seiten. Dabei ist sie eine Kluge.


Wenn man so will, war es bis hierhier nur die Vorrede.

Aber erschrecken Sie nicht: der auch nur mittellangen Rede kurzer Sinn ist der:

Fragen, auch Ihre, sind ein Teil des Sinnes, des "Kunstgenusses".


Meine Fragen beziehen sich z.B. auf die Motivation.

Was treibt Waltraud Stalbohm an, so fort und fort bohrend solche Arbeiten zu schaffen ? Arbeiten, die ihre eigene und unsere Schmerzgrenze oft nicht nur berühren sondern sie überschreiten, und das ist ihr klar. Waltraud würde möglicherweise nicht so antworten wie Rilke,

Dennoch - Zitat: 

Aber ich ?

Bin ich nicht recht darauf angelegt, gerade um dies herum, was sich nicht lebenließ, was zu groß, was entsetzlich oder nur einfach vorzeitig war, Dinge, Geschöpfe, Engel zu bilden, wenn es sein muß : Ungeheuer ? (Rilke, Brief an Nanny Wunderly-Volkart)


Die furchtbaren Dinge, die geschehen, oft auch deren mediale Abbilder sind ein wesentliches Enzym, das in Waltraud Stalbohm den überaus komplexen Prozeß in Gang setzt, an dessen Ende solche Arbeiten stehen, wie wir sie heute hier sehen.


In der knappen Selbstaussage von Waltraud Stalbohm lesen wir :


"Ich versuche in meinen Arbeiten, die Schatten der Opfer, der Erniedrigten, Unterdrückten, Gefolterten und Getöteten bildhaft und damit gegenwärtig zu machen."  


Die Schatten der Opfer für uns bildhaft machen ...


Da also, wo Waltraud Stalbohms Empathie, ihr Mit-Leiden einsetzt, sind die furchtbaren Dinge schon geschehen. Posthum nur noch, symbolisch - und damit zeichenhaft für unzählige andere mögliche Opfer - kann Waltraud in mühsamster künstlerischer Arbeit versuchen, den sonst Vergessenen, den Ausgelöschten so etwas wie eine späte Tröstung, eine Aufgehobenheit zu geben.


Diese Nachzeitigkeit spiegelt sich in dem Bildtitel "Epilog".  


Der Brockhaus erklärt das Wort EPILOG so:


Nachrede, Schlussrede

besonders im Drama die Schlussworte, die einer der Mitwirkenden oder ein Epilogos an die Zuschauer richtet.

In der antiken Tragödie wurde im Epilog das Dargestellte mit den sittlichen Folgerungen zusammengefasst.


Nur:  anders als im Drama, anders als im Theater, wo wir dem Fortgang einer zusammenhängenden Handlung folgen können, sehen wir uns in Waltraud Stalbohms Arbeiten  abschließenden, quasi nachgereichten Post Scripti gegenüber. Und die sittlichen Folgerungen (nach Brockhaus Definition) sind von uns selbst zu ziehen.

Mit Post Scripti meine ich zusammenfassend alle Bilder und Plastiken, die uns hier ungeben.


Für mich das Fesselndste an ihnen ist ihre Ambivalenz:

Wir begegnen in den großformatigen Bildern fast leeren, jedenfalls menschenleeren Räumen. Sie erinnern an Bühnenräume - schon durch ihre Größe und durch die Art,

wie sie sich zu uns hin kippen. Behaglich oder gar gemütlich sind sie nicht.


Und - wie im Theater - laden sich die kargen Requisiten mit allen nur denkbaren Emotionen auf: Klebt nicht noch das Stück Leben denkbarer Bild-Böhnen-Akteure an ihnen, an den

fahl fleckigen Wänden ? Haben wir nicht selbst schon auf so einer Behandlungspritsche angstvoll gewartet ?


Für mich (siehe oben) das Fesselndste ist immer das Ambivalente:

Betrachte ich den qualvoll überdehnten Kopf, sehe ich auch die Fäden, die ihm Halt geben wollen. 

Wünsche ich mir eine späte sorgliche Obhut für das (im KZ vernichtete) Mädchen im kleinen Kabinett, so sage ich mir, dass sie dort ruht. Behutsam gehalten, schwebend und fast schwerelos.


Und ich möchte Schwereloses, möchte Schwebendes nicht festnageln durch gut gemeinte Deutungen.


Also :

Schauen Sie selbst. Und vor allem: fragen Sie selbst.


Noch einmal Rilke:


Von dem Werk zu seinem Schauenden darf nur die Sehnsucht gehen.

Wir sind nicht die Nachbarn der Werke.

Wie Bilder im Brunnen sind sie uns;

Wir können ihnen über einen gewissen Grad nicht nahen, ohne mit uns selbst gerade das zu verdecken, was zu schauen wir gekommen sind.



Barbara Vollmer, 24. Mai 2008

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